Willow-Creek 2018: Was nehme ich mit nach Hause?

Das [zweite Mal] bin ich dabei. [Willowcreek] ist der wichtigste Pastoralkongress mit Netzwerk im deutschen Sprachraum und international. Die Westfalenhalle Dortmund kann den Ansturm der Teilnehmer nicht fassen, daher muss an fünf Übertragungsorte Livestream gesendet werden. Es sind fast 2.000 mehr [als 2016]. Auch die kleine Zahl der Katholiken als „radikale Minderheit“ hat sich auf ca. 300 vergrößert (und es sind immer mehr Priesterkragen und Mönchskutten zu sehen). Was nicht außer Acht gelassen werden darf: Es handelt sich um einen Leitungskongress, die Zielgruppe sind nicht „Kirchentags-Touristen“, sondern aktive oder potentielle Leute in kirchlicher Leitungsverantwortung! Da sind 11.000 schon eine Hausnummer, die nicht mehr ignoriert werden kann (neben den 10.000 der Augsburger MEHR!-Konferenz im Januar und den 20.000 beim Taizé-Treffen in Basel).

Einen ausführlichen Bericht über den Willow-Creek Leitungskongress 2018 von mir [könnt Ihr hier lesen]: „Zukunft – Hoffnung – Kirche – Du und ich!“

Mit Christian Hennecke (Leiter der Pastoralabteilung des Bistums Hildesheim) ist zum ersten Mal ein Katholik als Hauptreferent dabei. Ich schätze seine Positionen sehr, bin einer seiner [Blog-Follower]. Klar, dass sein 7-Punkte-Statement über die Zukunft der Kirche zu meinen Highlights des Leitungskongresses 2018 gehört. Seine Analyse der gegenwärtigen Kirchen-Situation deckt sich weitgehend auch mit meinen Erfahrungen aus dem pastoralen Dienst, und ich bin sehr glücklich, dass es Wege in die missionale und multikonfessionelle Zukunft der Kirche gibt. Auf solchen Kongressen wie diesem kann man aktive Mitstreiter, innovative Neugründer und einfache Anpacker kennen lernen, und zwar nicht nur auf dem Podium! Es geht bei Willowcreek ja nicht bloß um Konzepte, Rezepte oder Theorien, sondern um Praxis – des Glaubens, des Lebens, des Engagements für Gott und die Welt, und welche Aufgabe christliche Gemeinden dabei haben. Allerdings: Die Willow-Creek Community Church in Chicago ist wie viele der amerikanischen Mega-Gemeinden eine „Komm“-Kirche. Die Impulse für Deutschland müssen auf eine „Geh“-Kirche hinauslaufen, diakonisch bis an die Ränder der Gesellschaft (die Hecken und Zäune, Lk. 14, 12.23), so wie es der [NGE-Service] und [fresh-X] schon seit Jahrzehnten anstoßen und weiterentwickeln. (An dieser Stelle muss noch eine Brücke zu [MissionManifest] gebaut werden, dessen „Best-Practice“-Beispiele viel zu kurzsichtig sind.)

Das zweite Highlight des Kongresses war für mich Horst Schulze, langjähriger Präsident der Ritz-Carlton-Hotelkette und auch im Alter noch Gründer neuer Hotels. In seinem Mischmasch aus Englisch und breitem Moseldeutsch, das den Dolmetscher nicht wenig ins Schwitzen und das Auditorium zum Lachen gebracht hat, hat er Grundsätze der Gastfreundschaft aufgezeigt, die halt nicht nur im Hotel- und Gaststättengewerbe zu den Basics gehören, sondern selbstverständlich auch für christliche Gemeinden und Einrichtungen gelten müssen. Selbstverständlich? Mir ist sehr deutlich geworden, dass wir hier einen sehr großen Nachholbedarf haben, sogar an freikirchlichen oder gar benediktinischen Orten, wo Gastfreundschaft im biblisch-christlichen Sinne eine wichtige Rolle spielt. Ich selbst bin ja im „Hallo-Team“ unserer Gemeinde und kann Schulzes Wegweiser unmittelbar umsetzen. Worum ging es ihm?

  1. Um Professionalität und Exzellenz in jeder Hinsicht. Wie einladend sind unsere Gemeinderäume? Wie verhält sich unser Personal bzw. die ersten, auf die Gäste in unseren Gottesdiensten treffen?
  2. Welche Vertrauens (!)-Maßnahmen ergreifen wir, damit Menschen wiederkommen? (Kundenbindung!)
  3. Wollen wir neue Gäste gewinnen? (Mission) Wie machen wir das?
  4. Wie effizient ist denn unsere Gemeindearbeit?
  5. Wie freundlich ist unsere Begrüßung? Gehen wir auf die Wünsche der Gäste ein? Ist es uns peinlich, wenn sie Mängel entdecken? Keine Wartezeit bei der Behebung! (Wie oft muss ich es mir anhören: „Ich hatte Glaubensfragen, aber die Pastoralteamer hatten keine Zeit.“ oder: „Wir würden ja gerne mit einem Gebets- und Bibelkreis anfangen, aber unser Pfarrer/unsere Gemeindereferentin…“)
  6. Verabschieden wir am Ende einer Versammlung? Können wir aus voller Überzeugung über unsere Dienstleistung sagen: Wir würden uns freuen, wenn Sie uns bald wieder einmal besuchen?
  7. Wie glaubwürdig und überzeugend ist unser Auftritt in der (medialen) Öffentlichkeit?

„Eure Teams müssen eingeschworen werden auf die Vision der Unternehmer, und zwar nicht nur funktionell, sondern alle (!) müssen den Traum verinnerlichen und dann im Job auch ausleben.“

Solange in der kath. Kirche und anderswo Stellen von oben nach dem Gießkannenprinzip besetzt werden, kann nichts Gescheites dabei herauskommen. Erst eine radikale Kehrtwende zu missionaler Profilierung wird die Kirche im Stadtteil oder Dorf glaubwürdig machen. Besetzungskriterium muss die Leidenschaft für Jesus sein, danach muss das Personal gezielt ausgesucht werden.

Schulze moderiert den ersten Arbeitstag neuer Auszubildender in seinen Hotels grundsätzlich selbst mit seiner Vision. Er jettet dafür um die ganze Welt. Jeder Mitarbeiter, vom Zimmerkellner bis zum Hotelchef hat ein Budget von 3.000 €, um Mängel unverzüglich und professionell selbst zu beheben, ohne die Vorgesetzten fragen zu müssen! Mir fällt dazu die „Klerikerfalle“ ein, in der wir in Deutschland stecken, wenn es um Innovationen in der Gemeindearbeit geht. Eigentlich müssen Katholiken nicht ihr Pastoralteam um Erlaubnis fragen, wenn sie gemeinsam beten, in der Bibel lesen oder apostolisch tätig werden wollen [CIC 215]  Ob und wann sie dafür Gemeinderäume benutzen, ist nur eine Orga-Frage, für deren Beantwortung sicher kein Theologiestudium nötig ist.

Welche Vision haben unsere Gemeinden, unsere Pastoralteams? Gibt es ausformulierte Leitbilder? Zu welchen differenzierten Strategien sind unsere gut ausgebildeten und hoch bezahlten Teams in der Lage? Welche Ziele sollen in welcher Zeit erreicht werden? Werden die einzelnen Schritte gemeinsam evaluiert?

Ja, auch meine Gemeinde hat keine eigene Vision für ihren Weg in unserer Stadt. Sie hat die Vision der Saddleback-Gemeinde in Kalifornien übernommen, ein ziemlich anderer kultureller und soziografischer Kontext: „Wir wollen Menschen, die fern sind von Gott, zu hingegebenen Nachfolgern Jesu Christi machen.“ – und so allgemein wie das Selbstverständnis der kath. Kirche: „Die Kirche bemüht sich, die Menschen zu Jüngern Christi zu machen; sie will ihnen zum Glauben verhelfen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, damit sie durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen.“ (KKK Prolog Nr. 4, beides um die Jahrhundertwende 20/21 herum formuliert.)

Welche Kriterien gibt es denn für Gottesferne, und wie werden sie angewendet? Ausschließend wie früher? Wollen die Menschen unserer Zeit und in unserer Stadt überhaupt zu irgend etwas „gemacht werden“? Jesus hat Andreas und seinen Kumpel einfach zu sich nach Hause eingeladen: Kommt und seht! (Joh. 1, 39) Evangelisation fängt mit zwei Personen an, als Hauskirche.

Ja, auch in meiner Gemeinde wird nach Aktionen und Events selten evaluiert, und wenn es die Gemeindeleitung tut, dann interessieren sich nur Wenige für die Berichterstattung im Gemeindeforum.

Ich nehme mit nach Hause, dass auch meine Gemeinde eine Baustelle ist, wie die Kirche generell, wie jede andere Gemeinde auch, mit deutschland-typischen Eigenheiten und Schwerpunkten: Ideologie-Falle des Glaubens, Kleriker-Falle in der Gemeindearbeit, fehlendes missionales Profil, Visions- und Ziellosigkeit, keine pastorale Transfer-Strategie des Kirchentraums von PP. Franziskus – und gerade die letzten drei Punkte finde ich in meiner freikirchlichen Gemeinde am ehesten wieder und bin fest davon überzeugt, dass sie damit auf dem besseren Weg ist, und ich darf im 3rd Life hautnah erleben, dass Kirchenträume kein Wolkenkuckucksheim sind!

Hoffnung – Zukunft – Kirche – jetzt sind wir am Zug, Du und ich!

Mein 3. Highlight – die Innovationswand beim Kongress mit vielen konkreten Ideen, Plänen, Projekten.
Ja, „OSNAPRAY“ ist mit einem ersten Entwurf auch schon dabei!

 

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