Mein Katholikentag

Zum Beitragsbild: Dass „meine alte Firma“ mit ihrem Stand im Zelt der norddeutschen Bistümer meinen persönlichen geistlichen Weg mit ihrer Fotocollage so überaus treffend darstellen würde, war eine echte Überraschung für mich! Zeigt sie doch bei aller unvorhergesehen unterschiedlichen Konsequenz unsere gemeinsame Ausgangsbasis und Zukunftsperspektive. „Ausbrechen“ steht (noch?) auf dem Kopf – ich hab’s gemacht und bin sehr gut drauf damit! Aber klar, dass ich als Brückenbauer und Türenöffner die Verbindung zu meinen konfessionellen Wurzeln nicht kappe, sondern im Gegenteil sie pflege und ausbaue, wo es möglich ist.

Nun gut – Osnabrück propagiert die [Kirche der Beteiligung], ich darf in meiner Gemeinde schon jetzt Zukunftsluft der Kirche schnuppern. Die kath. Kirche Deutschlands stellt sich mit ihren Bemühungen zur Bestandssicherung selbst ein Bein, ich dagegen darf meine Berufung leben und Evangelisierung vorantreiben, wofür es in der kath. Kirche meiner Stadt angeblich keinen Bedarf gibt – im Unterschied zum Programm des Bischofs von Rom, das mich mit seinem evangelikal-charismatischen Reformansatz nach wie vor begeistert und zum Engagement motiviert. Und um es realistisch zu sehen: Missionarisch Gemeinde sein, da ist meine Gemeinde auch eine Baustelle! Deshalb gilt: Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern mit anpacken, jetzt erst recht!

Darum mache ich beim Katholikentag 2018 in Münster Standdienst im Zelt von [http://freshexpressions.de] und erzähle den zahlreichen Passanten etwas über kirchliche Startups jenseits unserer konfessionell-üblichen Gemeindestrukturen. Direkt hinter uns hat die [Deutsche Evangelische Allianz] ihr Zelt aufgeschlagen, zum ersten Mal auf einem Katholikentag. Das freut mich natürlich sehr – sie bewegt sich also doch, die Kirche! Überhaupt ist evangelische Präsenz vielfältiger geworden: Der Medienbereich wird von evangelikalen Firmen dominiert: ERF, idea, Bibel-TV, Medienmagazin PRO, Charisma, Churchtools, alle sind sie da, die Gemeindebriefdruckerei ist mit einem Doppelzelt vertreten, die Losungen fehlen nicht, der Pilgerweg Loccum-Volkenroda lädt ein, und ich sehe Schwestern in der Tracht der Christus-Bruderschaft Selbitz. In den Foren, die ich besucht habe, machen viele Evangelische mit, und etliche Diskussionsteilnehmer outen sich als evangelische Pfarrer/innen. Die Kirchentage sind längst ökumenische Treffen geworden!

Zelt der Deutschen Evangelischen Allianz auf dem Katholikentag 2018 in Münster

Das große Thema dieses Katholikentags ist Frieden und wie man ihn stiften kann. im Kleinen wie in der großen Weltpolitik – brisant wie kaum zuvor! Doch ich besuche die großen Promi-Veranstaltungen nicht, sondern widme mich dem interkonfessionellen Beziehungsnetz. An der kirchlichen Basis gibt es noch viele gegenseitige Zerrbilder zu beseitigen und soviel Kooperation wie möglich zu schaffen. Wie können z.B. in den großen Multisite-Pfarreien beziehungsstarke Gemeinschaften entstehen, die Menschen neugierig auf ein Leben mit Jesus machen? [Willow-Creek] und [Christian Hennecke] lassen grüßen, übrigens einer der (kath.) Promotoren von fresh-X.

Christina Brudereck moderiert im „F1“. Vor 35 Jahren war ich zuletzt in diesem Hörsaal.

Moderatorin dieses Forums ist [Christina Brudereck], Schriftstellerin und Mitgründerin des CVJM-Gemeindeprojekts „e/motion“ in Essen. Ich hatte sie schon öfter bei regionalen Allianz- und fresh-X-Events erlebt und bin freudig überrascht, hier auf sie zu treffen. Den Impulsvortrag von Christian Hennecke gibt es [hier zu lesen]. Die Podiumsdiskussion nimmt eine etwas unvorhergesehene Wendung zur geistlichen Dimension von Leitungskompetenz und wie sie im „gemeinsamen Priestertum aller Getauften“ erworben werden könne – durchaus noch Neuland in meiner alten Firma. Warum gerade hier nicht von den Freikirchen lernen? Ich informiere den Gesprächspartner des Erzbistums Hamburg über das berufsbegleitende [Leitertraining K5], das mit ca. 3.000 multikonfessionellen Teilnehmern über ganz Deutschland verteilt im März 2018 gestartet ist, und in das man auf den letzten Drücker noch einsteigen könnte (nächster Schulungstag ist Sa. 6. Juni 2018).

Überhaupt ist die Sehnsucht nach Glaube als Herzenssache und nach geistlicher Tiefe in allen Veranstaltungen zu spüren, die ich besuche. Viele merken, dass es nicht nur um äußerliche Strukturen und Ämter-Neuordnungen gehen kann. Daniel Deckers und Mona Jaeger fragen in der F.A.Z. vom 14.05.18 S. 3 unter dem Titel „Katholische Variante von Multikulti“, wie „Räume des Glaubens“ geöffnet werden könnten – offensichtlich sind bei den Kirchen die Schotten längst dicht. Die Verfasser fordern „mehr Kirchenbindung“, dabei vergessen sie, dass es den Kirchen um Jesus gehen muss und nicht um Attraktivitäts-Events, sie wollen „die Qualität der Seelsorge unbedingt gesichert“ sehen, und übersehen, dass dabei mehr heraus kommen müsste als nur die viel zu unprofessionell gewordene Bestandssicherung, dann sollen noch die mehr als 90% Ex-User in der eigenen Mitgliederschaft in den Blick genommen werden, was meines Erachtens nur durch evangelisierende Gemeinden geleistet werden kann, „und es braucht ein anderes Image und eine klarere Identität“ – ihre tiefste Identität gewinnt die Kirche (alle!), sofern sie evangelisiert und missionarisch ist, also von Jesus erzählt und berichtet, warum es sich lohnt, mit ihm durchs Leben zu gehen. Sowohl inhaltliche, als auch methodische Voraussetzung von Sakrament in allen seinen Dimensionen ist Bekehrung (die Liturgiekonstitution zeigt in Nr. 9 zu diesem „Unwort der Pastoral“ klare Kante)!

Der Weg zu geistlicher Profilierung von Gemeinden und Kirche(n) ist kein noch so effizientes Organisationsprogramm, sondern eine Person (Joh. 14, 6). Persönliche Beziehung ist Vertrauenssache und nicht mentale Korrektheit (Ideologiefalle). Missionarisch Gemeinde bauen und ggf. neu zu gründen ist Sache aller Christen (Klerikerfalle), ein Rückzug in kleine Kreise zur Pflege von besonderen Frömmigkeitsformen widerspricht dem kirchlichen Grundauftrag (Pietismus-Falle). Beim Gang über die Kirchenmeile frage ich mich bei manchen Initiativen allein schon aufgrund ihres verschwurbelten Namens, ob die Kirche in Deutschland so etwas braucht… Aber Vieles ist eben auch sehr ermutigend und motiviert zum Nachfragen – vielleicht auch zum Nachmachen? Wir sind doch mitten drin in der Erweckung, bei uns durch viele kleine charismenorientierte Pflänzchen: Initiativen, Bibel- und Hauskreise, Gebets- und Arbeitsgruppen, diakonisches Engagement, politische Einmischung, [Alpha-Kurse], Charismatische Erneuerung, Neu-Evangelisation, [Mission-Manifest] und Vieles mehr.

In den Begegnungen und Einzelgesprächen wird deutlich, dass sich viel zu viel Frust unter den Katholiken breit gemacht hat. Und immer-immer-immer wieder diese Klagen über selbstherrliche Priester, Pfarrer („Ökumene brauchen wir hier nicht“ – „Etwas Neues wagen? Wir haben schon genug mit dem Normalprogramm zu tun“ – „Wortgottesfeiern? Die Eucharistie ist doch das Allerhöchste“ – „Mehr Spirituelles, Glaubensgespräche? Das wollen die Leute hier doch gar nicht“ usw.) Ich werbe heftig dafür, Dinge anzupacken, die man als richtig erkannt hat, und zwar notfalls auch gegen den Willen der Hauptamtlichen! Katholiken haben sogar einen Rechtsanspruch auf apostolische Tätigkeiten: can. 215 und 216. Zur Gründung einer ökumenischen Hauskirche bedarf es nicht der Erlaubnis des katholischen Ortspfarrers. Wenn das Pastoralteam das aber als strategischen Schritt zur Ent-Anonymisierung von Großpfarreien mit beziehungsstarken Gemeinschaften unterstützt, umso besser!

Mein emotionales Highlight dieses Katholikentags ist die Teilnahme der Mennoniten, die erst mit einem Forum über Täufertum, und dann mit der Feier eines Versöhnungsgottesdienstes am Turm der Lambertikirche unter den Widertäufer-Käfigen (!) ein ganz starkes Zeichen für konkrete Friedensarbeit setzen. 500 Jahre hat es gedauert vom Fundamentalismus bis zur Verständigung… Aber hier kann man es lernen: Es ist möglich!

Für Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ist fresh-X nichts Neues.

Was ist jetzt dran in der Ökumene? In einem vierstündigen „Barcamp“ wollen wir dem auf die Spur kommen. Vier Gesprächsrunden sind vorbereitet, vier spontane über das, was uns Teilnehmern auf den Nägeln brennt, kommen hinzu – die Spezialität dieses Lernformats. Die Protagonisten der „Hashtags“ werden ermuntert, die Gesprächsrunden selbst zu leiten. Das klappt erstaunlich reibungslos, charismatische Kirche zum Anfassen.

Ergebnisse des Barcamps:
Keine Angst vor Leichtigkeit in der ökumenischen Gemeindearbeit! Wir müssen die dogmatischen Unterschiede nicht selbst beseitigen, dürfen aber schon einmal Grenzen überschreiten und neues Land erkunden. „Kirche soll tabufreie Zone sein“ (Alpha-Kurs-Magazin). Unser Grundauftrag ist: Zu einer lebendigen und persönlichen Gottesbeziehung einzuladen („missional“) und alle Reformbemühungen zuerst unter den Primat des Gebets zu stellen, ganz praktisch und miteinander. Daraus folgen dann die nötigen weiteren Schritte: „wagemutig“, „kreativ“, „ohne Beschränkungen und Ängste“, so ist die Sprache von PP. Franziskus in EG Nr. 33!  Zur Zeit haben die Katholiken in Deutschland viel zu viel Angst. Seid mutig! Fürchtet Euch nicht! Wartet nicht auf die Hauptamtlichen, sondern packt es an, wenn es kein anderer tut! Schluss mit dem „Jammern auf hohem Niveau“!

Der Samstagabend als Abschluss des arbeitsintensiven Teils des Katholikentags soll Gott gehören: Ich feiere den „Zeitfenster-Gottesdienst“ einer [katholischen Gründungsinitiative aus Aachen] mit. Wenn es nicht nur die alten ostkirchlichen Riten in der katholischen Kirche gibt (von denen vier auch in Münster gefeiert wurden: Byzantinisch, maronitisch, melkitisch, syro-malabarisch) und die römische Liturgie in vielsprachigen Gottesdiensten (sogar lateinisch und in der alten Form), dann ist die Frage sehr berechtigt, warum es nicht auch mehr moderne, abendländische Gottesdienstformen in der katholischen Kirche geben sollte, die im Normalfall auch keine Eucharistiefeiern sein müssen, weil es personell halt nicht geht: Hier konnte es erlebt werden!

Normale Christen, Männer, Frauen, leiten, beten frei vor, predigen und spenden den Einzelsegen. Eine Band sorgt für rockigen Sound und Lobpreismusik. Keine mittelalterlichen Gewänder, keine liturgische Choreografie. Die gotische Jugendkirche „effata“ (ehem. St. Martini) ist schlicht mit Blumen auf Holzkästen und Kerzen geschmückt. Gewölbe und Säulen werden mit Lichteffekten angestrahlt. Bänke gibt es nicht mehr, Stühle reihen sich von drei Seiten um Lesepult, Altar und eine große Leinwand in der Mitte, davor die Musiker. Dahinter ist viel Platz für die 10-minütige Segnungszeit nach der Predigt. Man kann aber auch eine Fürbitte aufschreiben und abgeben, oder einfach still der Musik lauschen. Der Ablauf entspricht fast 1:1 dem, was ich in meiner Heimatgemeinde jeden Sonntag mitfeiern darf: Ja, Gottesdienst im „freikirchlichen Ritus“!

Dass hier Katholiken die Akteure sind, gerät völlig in den Hintergrund. Mit dem Prediger habe ich in Paderborn zusammen Religionspädagogik studiert. Wieviel Charisma geht hier meiner alten Firma eigentlich durch liturgische Bürokratie verloren? Jürgen versucht anhand der Tempelreinigung den Spagat „zwischen Eskalation und Sanftmut“ bei Jesus zu finden – wie können wir den radikalen Jesus authentisch und glaubwürdig nachahmen? Friede fängt bei mir und Dir an, denn „Christus ist unser Friede“ – kein Weltverbesserungsprogramm, sondern eine Person!

Die Schlange beim Segnungsteam ist lang. Das Fürbittgebet dauert bei 200 Mitfeiernden lange, trotz Auswahl. Nach dem ca. 90-minütigen Gottesdienst ist draußen bei Essen und Trinken noch Gelegenheit zum Austausch der Eindrücke. Was hier besonders für Katholiken den Reiz des Neuen ausmacht, gerät bei mir zu Hause auch schon mal zur Routine: Eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf! Gottesdienst ist kein Konsumartikel. Er gelingt durch die tätige Teilnahme möglichst Vieler im Vorder- und Hintergrund. 20 Vorbereiter und Akteure sind durchaus normal. Gemeinsames Singen und Beten ist wichtiger Bestandteil. Musik sollte immer live sein. Licht, Sound und PR müssen professionell sein – immerhin konkurriert „Zeitfenster Aachen“ am Freitagabend mit der Freizeit- und Partyszene des Einstiegs in das Wochenende!

Liturgie ist „Quelle und Höhepunkt“ christlichen Engagements, und das ist keinesfalls auf Eucharistie-/Abendmahlsfeiern beschränkt. Inzwischen graust mir vor der Belanglosigkeit, mit der katholische Werktagsmessen von einem (im schlimmsten Fall „eingeflogenen“) Einzelpriester (ohne Gemeindebezug) mit einer Handvoll Gläubiger (?) lieblos abzelebriert werden, in weniger als 30 Minuten, ohne jede Auslegung provozierender Bibelstellen und kläglichem Gesang, wenn überhaupt. Freude kommt da nicht auf, und der Heiligkeit wird es so schwer wie möglich gemacht. Ohne Leidenschaft der Gottesdienstgemeinde beim „opus operantis“ bewirkt „ex opere operato“ rein gar nichts, da kann der Vorsteher noch so geweiht sein. Sakrament verkommt dann zur Magie. Ich wollte nie Totengräber des Evangeliums sein.

Fußgängerzone Prinzipalmarkt, hier mit Polizei-Eskorte für prominente Friedenssaal-Besucher

Mein Fazit des Katholikentags Münster 2018:
Vor vier Jahren, [2012 in Mannheim], konnte ich es noch nicht glauben: „Einen neuen Aufbruch wagen“?. [2014 in Leipzig] war ich schon mittendrin! Und jetzt? Kirche macht mir Spaß wie nie zuvor! Seit drei Jahren habe ich kaum einen Sonntagsgottesdienst versäumt, am liebsten in meiner Gemeinde, am zweitliebsten wenn ich im Domchor mitsinge. Praise & Worship geht auch oldschool als lateinische Motette, mit derselben Leidenschaft! 2012 mochte ich der Vision des Propheten Ezechiel (Ez./Hes. 37) noch nicht glauben. Ich hielt sie für total utopisch. Jetzt ist die Utopie real geworden: Totengebeine werden lebendig, aus dem abgehauenen Stumpf Jesse/Isais sprießt ein neuer Zweig (Jes. 11,1). Aber nicht „einfach so“, sondern erst, nachdem sich der Prophet vor die Totengebeine hingestellt und seinen Mund aufgetan hatte (Verse 4+5) Wir also müssen aktiv werden! Gottes Liebe ausrufen und danach handeln, wo wir nur Hass wahrnehmen und „tote Pferde reiten“. Das Feuer des Heiligen Geistes weitergeben [„Keep the fire!“], wo bisher nur Asche war. „Ran“ (an Jesus) „und raus“ (aus dem Obergemach auf die Straße, so der kath. Pastoraltheologe Paul M. Zulehner). Das muss im 21. Jahrhundert nicht gar zu kompliziert sein, auch nach etlichen tausend Jahren Theologie, oder?

Die katholische Kirche ist ein ziemlich bunter Haufen. Und der Katholikentag ist jung – anders, als es in den Gottesdienstgemeinden zu Hause sichtbar ist. Dafür gibt es viele Gründe…

 

 

 

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